Sonntag, 23. September 2018

Die Engel mit den roten Nasen

Ausgabe 2018.07-08

Die Roten Nasen sorgen bei kleinen Patienten für unbeschwerte Momente und geben neue Kraft und Lebensmut. Weil Lachen immer noch die beste Medizin ist. GESÜNDER LEBEN war bei einem Clown-Besuch im Wiener Spital Speising dabei.


Foto: Ece Karatas

 

Es ist 11 Uhr, als wir die Kinderstation des Orthopädischen Spitals Speising betreten. Am Gang warten Eltern mit ihren kleinen Kindern auf die Aufnahme. Krankenschwestern huschen umher, Ärzte unterhalten sich konzentriert, eine Mutter singt ihr Baby leise in den Schlaf.
Auch wenn man hier sichtlich bemüht ist, den Aufenthalt für alle Beteiligten so angenehm wie möglich zu machen, ist Spital nun mal Spital. Heißt: Die Furcht vor dem Ungewissen, ein Gefühl des Ausgeliefertseins, aber auch Langeweile mischen sich unter den regen Arbeitsalltag. Zumindest so lange, bis Dr. Eierkopf und Schwester Annabella Konfuzia die Station betreten, um ihre wöchentliche (Humor-)Visite abzuhalten. „Da ist ja unser hoher Besuch!“, freut sich Abteilungsvorstand Dr. Rudolf Ganger. Auch die Krankenschwestern können sich ein Grinsen nicht verkneifen, und es wird deutlich: Die „Mediziner mit den roten Nasen“ bringen willkommene Abwechslung, aber auch Unbeschwertheit auf die Station, von der sich jeder gerne mitreißen lässt.

Berührungskünstler
Dr. Eierkopf, der eigentlich Andreas Moldaschl heißt und seit nunmehr 23 Jahren im Clown-Einsatz ist, und Annabella Konfuzius alias Melanie Gemeiner sind Rote-Nasen-Clowns. Das heißt: Als Clowndoctors besuchen sie täglich kranke Kinder in Spitälern und setzen die Magie des Humors für das seelische Wohl der kleinen Patienten ein. „Der Clown ist die Instanz, die die Menschlichkeit widerspiegelt“, ist Gemeiner überzeugt. „Der Clown hat Hoppalas und Unfälle, die ich selbst nicht erleben möchte. Ich erkenne mich wieder, bin aber froh, dass ich es nicht bin.“ Moldaschl ergänzt: „So kommt es zur Identifikation mit dem Gegenüber.“ Die Roten Nasen seien keine Zirkus-, sondern poetische Clowns, betont Gemeiner: „Wir sind nicht auf die schnellen Schenkelklopfer aus, sondern wollen berühren, zum Fühlen anregen.“ Sie sehen sich als Berührungskünstler, denn: „In dem Moment, in dem wir mit dem Patienten in Kontakt treten, lösen wir in ihm etwas aus und zeigen: Ich nehme dich wahr, ich sehe, wo und wer du bist.“

Ablenkung
Das erklärte Ziel der Roten Nasen: „Ablenken, eine Flucht vor dem Alltag, der zu dem Zeitpunkt von Schmerzen und Ängsten geprägt ist, gleichzeitig aber dem Kind auch helfen, sich mit der Situation auseinanderzusetzen – und zwar auf einer humoristischen Ebene“, erklärt Moldaschl. Das scheint auch tatsächlich zu gelingen: Der kleine Goran*, der gerade am Gang mit einer Ritterburg spielt, kann nicht aufhören zu lachen, als Dr. Eierkopf ihm eine Clown-nase aufsetzt. Auch seine Eltern sind für die Abwechslung dankbar. „Unser Sohn wird morgen an der Hüfte operiert und wir sind schon etwas nervös“, erzählt der Papa. Mit großen, leuchtenden Augen starrt Goran die beiden Clowns an. Nach wenigen Minuten müssen sich diese aber wieder verabschieden, schließlich wollen noch andere Patienten zum Lachen gebracht werden.

Socken-Narkose
Als Nächstes ist die 5-jährige Tanja dran. Am kommenden Tag ist bei ihr eine kleine Operation an der Hand geplant. „Das mach ich ja mit links!“, grinst Dr. Eierkopf und lässt Tanja einen Blick in seine „Operationstasche“ werfen, die unter anderem mit allerhand Spielzeug-OP-Instrumenten gefüllt ist. „Und mit Stinkesocken für die Socken-Narkose!“, ergänzt Annabella Konfuzius eifrig. „Soll ich dich operieren?“, fragt Dr. Eierkopf. „Nein!“, lacht Tanja. Sie darf Engelsflügerln tragen, mit Seidentüchern und Seifenblasen spielen und sich natürlich die rote Clownnase (Gemeiner: „Der beste Schutz gegen die Realität!“) aufsetzen. Dabei wirkt sie wie ein glückliches Prinzesschen. „Sie hat tatsächlich auf die morgige Operation vergessen!“, flüstert ihre Mama gerührt. Auch Tanjas Zimmergenossin, die sich aufgrund starker Hüftschmerzen einer Schmerztherapie unterziehen muss, wird in die Humor-Welt der Clowns integriert, beobachtet aber, trotz sichtlichem Interesse und lauten Lachern, das Geschehen lieber aus der Ferne. Was vollkommen okay ist, meint Gemeiner: „Wir sind keine Zwangsbeglückung, sondern Unterstützung.“

Gesunder Humor
Die Clowns arbeiten dabei immer intensiv mit dem medizinischem Personal zusammen. Bevor sie ein Zimmer betreten, gibt es ein kurzes Gespräch mit dem Arzt, um sich einen raschen Überblick über die Situation zu verschaffen. Danach heißt es: improvisieren und blitzschnell auf die jeweilige Situation reagieren! „Wir achten vor allem darauf, was für das Kind empfänglich ist, wie die Stimmung ist“, meint Moldaschl. Die Umgebung wird dabei genauso miteinbezogen wie das klassische Clown-Repertoire, das aus Jonglieren, Pantomime, Musizieren oder Zauberei besteht. Im Rahmen des Programms „Clowns im Behandlungs-alltag“ werden die Roten Nasen auch gezielt zu Untersuchungen und Operationsvorbereitungen hinzugezogen, um die kleinen Patienten abzulenken und Ängste zu nehmen. „Als Clown konzentriere ich mich automatisch auf das Positive, das Vitale. Das überträgt sich auch auf das Kind“, erklärt Moldaschl. Dass Humor tatsächlich beim Gesundwerden hilft, davon ist auch Arzt Ganger überzeugt: „Pessimismus ist beim Heilungsprozess kontraproduktiv! Humor hilft, den Patienten zu motivieren, aktiv zur Nachbehandlung beizutragen und somit schneller gesund zu werden.“ Und wirklich: Als es Zeit ist, zu gehen, ist die Station tatsächlich ein Stückchen heller, freundlicher und gesünder als zuvor.

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