Montag, 16. Juli 2018

Helfende Vierbeiner

Ausgabe 2018.07-08

Der Kontakt mit Heim- und Nutztieren hat laut zahlreichen Studien positiven Einfluss auf unsere physische und psychische Gesundheit. Tiertherapien werden daher immer beliebter.


Foto: iStock-FatCamera

 

Mehr als 50 Jahre ist es her, dass der amerikanische Kinderpsychotherapeut Boris M. Levinson durch Zufall im Rahmen einer Therapiestunde die Wirkung seines Hundes beobachtete. Sein junger Patient war etwas zu früh gekommen und wurde im Wartezimmer von Levinsons Hund Jingles begrüßt. Der bis dahin verschlossene Bub begann aus sich herauszugehen und zeigte sich in der anschließenden Therapiestunde so zugänglich und offen wie nie zuvor. Dieses einschneidende Ereignis in den 1960er-Jahren wurde schließlich zur Geburtsstunde der tiergestützten Therapie. Levinson befragte daraufhin mehrere Kollegen, ob diese ähnliche Erfahrungen gesammelt hätten. Viele bejahten dies oder zeigten sich zumindest fasziniert von der Methodik. 1969 veröffentliche Levinson sein Buch „Pet oriented child psychotherapy“ („Tiergestützte Kinderpsychotherapie“), indem er über seine Erfahrungen und Erkenntnisse berichtete. Seitdem gilt er als Begründer und Pionier der tiergestützten Therapie.

Vierbeinige Therapeuten
Mittlerweile haben unzählige Untersuchungen bestätigt, dass die emotionale Nähe eines Tiers, seine Körperwärme und insbesondere seine Anerkennung heilend wirken. Menschen, die mit Tieren aufwachsen, können laut Studienergebnissen im späteren Leben mit Beziehungsproblemen besser umgehen. „Man weiß heute, dass Heimtiere bei Kindern Verantwortungsbewusstsein, Fürsorge, Lebensfreude, Empathie und sogar Optimismus fördern, zusammengefasst: die emotionale Intelligenz“, erklärt Coach und Hundetrainerin Catharine Reichel. Nachgewiesen ist auch, dass „Tiere psychosomatischen Erkrankungen infolge sozialer Isolation vorbeugen können und die Gefahr von Suchterkrankungen verringern.“ Auch körperlich schlägt sich der Umgang mit tierischen Mitbewohnern messbar nieder: Das Zusammenleben mit Heimtieren senkt unter anderem den Blutdruck, stabilisiert den Kreislauf und reduziert Schlafstörungen. Durch den Kontakt mit Haustieren fallen nicht nur weniger Arztbesuche an, auch der Medikamentenverbrauch nimmt ab.

Seelentröster und treue Begleiter
Aussehen, Status, Einkommen und Beruf – für ein Tier spielt all das keine Rolle: „Viele Menschen finden bei ihrem Tier, was ihnen Menschen nicht bedingungslos geben können", erklärt Reichel. Die Halterin des dreijährigen Therapiebegleithundes Pinuú weiß: „Tiere sind grundsätzlich für einen da, sie sind ein ständiger Begleiter, der nichts infrage stellt.« Dass Tiere eine immer wichtigere Funktion als Seelentröster bekommen, ist für Reichel ein gesellschaftliches Phänomen: „Menschen, die im Pflege- wie Altersheim oder in einer psychiatrischen Anstalt leben, geben zumeist ihre Selbstverantwortung ab und verlieren damit auch einen Teil ihres Selbstbewusstseins. Das Streicheln eines Hundes ist für so manche psychisch kranke, alte oder depressive Menschen die einzige Möglichkeit, durch Berührung Zuneigung weiterzugeben. Für mich ist es schön, zu sehen, wenn körperliche Aktivität wie Spazierengehen durch einen Therapiebegleithund wieder möglich wird.“ Tiere sorgen zudem immer für Gesprächsstoff und dienen als Brücke für zwischenmenschliche Kommunikation. Soziophobiker, die mit Hunden spazieren gehen, sprechen mit Fremden über ihre Hunde; Senioren im Heim haben ein gemeinsames Thema, wenn die Enkel sie besuchen. Sogar in schweren Krisen wie etwa Arbeitslosigkeit oder dem Verlust des Partners spenden Tiere spürbar Trost: Der Psychologe Prof. Reinhold Bergler fand in einer Studie mit 150 Probanden heraus, dass Katzenbesitzer bei solchen Schicksalsschlägen weniger psychotherapeutische Hilfe und Psychopharmaka brauchen und besser mit der Problembewältigung zurechtkommen als Menschen ohne schnurrenden Beistand.
 
Bauernhoftiere als Sozialhelfer
Bei der tiergestützten Intervention (TGI) werden nicht nur Hunde oder Katzen „gestreichelt“. Auch Kleintiere wie Mäuse, Kaninchen, Meerschweinchen, Schildkröten oder Vögel und sogar große Nutztiere, wie z. B. Rinder, Schafe, Schweine, Esel oder Lamas, erweisen sich als sensible Kumpanen. Silke Scholl vom Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung (ÖKL) betreut mit ihrem Team mehr als 40 zertifizierte landwirtschaftliche Betriebe, die TGI anbieten. Diese Art der tiergestützten Intervention bewährt sich bei Kindern mit Lernschwierigkeiten und sozialen Problemen, verhaltens-auffälligen Kindern bzw. Jugendlichen, Menschen mit psychischen Störungen und psychosomatischen Erkrankungen und auch bei Senioren, erzählt Scholl: „Die Tiere helfen dabei, wieder auf eigene Fähigkeiten zu vertrauen, ruhig zu werden und Kraft zu schöpfen. Spielerisch werden Körperfunktionen mobilisiert und auch Aggressionen auf positive Weise abgebaut.“

Hippotherapie

Pferde bewähren sich grundsätzlich bei zwei unterschiedlichen Therapieformen: Zum einen bei einer Art der Physiotherapie, bei der Reiten die Muskelspannung stärkt, zum anderen in der Heilpädagogik, die sich auf seelische Störungen konzentriert. Bei der Krankengymnastik auf dem Pferderücken stellt sich der Körper des Erkrankten auf die Bewegungen des Pferdes ein. Das entspannt spastische Muskeln und stärkt erschlaffte Muskeln. Diese Bewegungsgymnastik eignet sich besonders für teilweise gelähmte Patienten, damit sie wieder ein Gefühl für ihren Rumpf entwickeln. Mittlerweile wird dieses Prinzip auch ohne Pferd erfolgreich zur Stärkung der Rumpfmuskulatur eingesetzt – etwa bei der „Hirob-Therapie” im Rehazentrum Buchenberg. Die sogenannte mechanisch simulierte Hippotherapie hilft Menschen bei der Rehabilitation nach einem Schlaganfall, ein Therapieroboter simuliert dabei den Pferderücken. Das „heilpädagogische Reiten und Voltigieren“ wiederum ist auf Kinder mit psychischen Störungen undpsychosozialen Problemen abgestimmt. Die Idee dahinter ist, sie durch den Umgang mit Pferden ganzheitlich zu fordern und zu fördern.

Tiergestützte Resozialisierung

In den USA dienen Hunde der Resozialisierung von inhaftierten Frauen. Im Washington Corrections Center for Women in Gig Harbor können die weiblichen Häftlinge bei der Ausbildung von Assistenzhunden helfen, die später Menschen mit Beeinträchtigungen unterstützen – zum Beispiel Blindenhunden oder Hunden, die Gehörlose auf Geräusche hinweisen oder den Tagesablauf für Multiple-Sklerose-Kranke erleichtern (www.prisonpetpartnership.org).

Auch in Österreich gibt es ein ähnliches Beispiel:
In der Justizanstalt Sonnberg bei Hollabrunn betreuen die Insassen eingestellte Pferde, die sich aus Krankheits- oder Altersgründen nicht mehr zum Reiten eignen.

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